Ausgeliefert: Militär, Mafia, Medien

Es ist natürlich keine Verschwörung: Wie wollte auch jemand im Geheimen womöglich globale Absprachen treffen auf dieser grossen Welt mit ihren unzähligen mächtigen Menschen?
Mann streitet ja nicht selten bereits in der Familie, geschweige denn über Regionen, Religionen und Staaten hinweg!
Wer Verschwörungsthorien anhängt, ist insofern einfach kindisch: könnte es besser wissen, mag sich aber nicht mit viel Komplexität auseinandersetzen, greift also zum Einfachen und findet mit ein paar Klicks immer weitere Argumente, die den Unsinn scheinbar plausibilisieren.
Wer indes Verschwörungstheorien verbreitet, muss nicht kindisch sein – das gibt es ganz Clevere: Werbeprofis, die Menschen beeinflussen, um sie in der Regel zum Glauben oder Kaufen von etwas zu bringen – und mehr oder weniger nebenbei vom komplexen Denken abzuhalten.

Möglichst alles abkaufen

Noch ein Jahrhundert Leser, und der Geist selber wird stinken„, schrieb Friedrich Nietzsche spät im 19. Jahrhundert. Ich habe diesen Satz und viele andere Gedanken Nietzsches lange nicht kapiert – und immer wieder gelesen und darüber nachgedacht, bis ich zu verstehen vermeinte – Komplexität halt: Menschliches.

Lesen und luegen wider die Komplexität.

Neben den Kindischen, die wider besseres Wissenwollen irgendwelchem Unsinn anhängen, gibt es noch die vielen Kindlichen: all die Ahnungslosen, denen sich das Komplexe nie erschliesst – so wie sich mir Farbenblindem das Rote, das Grüne und seine Differenz nie erschliessen wird.

Kindliche und Kindische

Ein Grossteil der Medienschaffenden und der Prominenten gehören zu dieser Kategorie der Kindlichen, ein Grossteil des politischen Personals sowie der wirtschaftlichen und administrativen Kader – zu schweigen von den gewöhnlichen Menschen, die gar keine Zeit haben, Komplexes zu erschliessen, weil sie Geld verdienen müssen, um ihre Rechnungen zu bezahlen.
Mutmasslich dachte der schreckliche Moralist Nietzsche bei seinem stinkenden Geist unter anderem daran: dass der Duft komplexer Abstraktionen nicht allen in den Kopf steigen kann und also das Leben auf dem Boulevard und in den sozialen Medien stinkt (auch eine feine Ironie der Schöpfung, dass Geruch massenmedial einfach nicht geht).
Ich möchte mit Verlaub jenseits dieses moralischen Zuordnens von Gut und Böse stehen: Hier stehen wir, wir können nicht anders – und sollten dafür keine Moralpredigten erhalten, sondern womöglich Klärung, Erklärung.

Bilder behindern das Denken.

An diesem verlorenen Ort in den Weiten des Internets möchte ich gerne zu solcher Klärung beitragen, und in diesen Zeilen hier geht es dabei ums Staatliche: Von den rund 180 Staaten dieser Erde können gemäss dem Index fragiler Staaten zurzeit keine 20 als nachhaltig stabil bezeichnet werden. Nun gehört die Schweiz zwar zu den 9 Ländern, die der komplexe Index als „sehr nachhaltig“ ausweist – und die Kindlichen können jetzt aufhören zu lesen und zum Beispiel einem kindlichen Nationalstolz frönen.

Schiefe Stabilität

Wer das Komplexe schätzt, mag weiterlesen und erwägen, wie schief selbst die nachhaltige Stabilität eines Staates wie der Schweiz ist: Ganze Bereiche, die als hoheitliche, also grundlegend staatliche Aufgaben gelten, sind der staatlichen Kontrolle der Schweiz weitgehend oder komplett entzogen:

  • Bei der Landesverteidigung hat die Schweiz nach vormodernen Kriterien zwar strategische Vorteile: Unsere Alpentäler sind mit grossen Armeen nicht zu erobern, und die transalpinen Verkehrs- und Energiewege haben samt den Kraftwerken als Pfand ein gewisses sicherheitspolitisches Gewicht.
    Aber im Bereich zeitgemässer Waffensysteme ist die Schweiz grösseren Staaten, ihren Armeen und Geheimdiensten komplett ausgeliefert: Kein Kampfjet fliegt, wenn das Herstellerland das nicht will; keine Information fliesst, ohne dass die Grossen mithören, mitreden und mitbestimmen.

Das nicht zu wissen, sei Kindlichen nachgesehen; mit Blick auf die Kindischen hierzuberge ist es verantwortungslos.

Mann mag mit Staatsräson argumentieren, um zu begründen, warum die zeitgemässe militärische Hilflosigkeit der Schweiz kein Thema sein darf. Wenn aber einerseits Milliarden zum Fenster hinausgeworfen werden und Abermillionen offener Rechnungen in den Büchern der Landesverteidigung stehen, und wenn andererseits brave Soldaten an der Nase herumgeführt und Alte sich mangels genügender Rente um den Lebensabend sorgen müssen, dann wird die vermeintliche Staatsräson zum blanken Zynismus.

Militär – die Schweiz ist ausgeliefert.
  • Die organisierte Kriminalität operiert in der Schweiz unbehelligt. Ans Licht des Strafrechts oder der Öffentlichkeit geraten Fälle nur, wenn Unvorhergesehenes passiert oder gezielt Verrat betrieben wird.

Grosse Gangster gaumen

Das nicht zu wissen, sei Kindlichen ebenfalls nachgesehen; mit Blick auf die Kindischen ist es ebenfalls verantwortungslos, hat aber wahrscheinlich Methode: Die Schweiz, nach Napoleon in Wien konstruiert von den europäischen Grossmächten unter Drohungen etwa gegenüber dem gernegrossen Berner Patriziat, entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum bourgeoisen Musterknaben und zum sicheren Anlegehafen für Fluchtgeld – unsere Luxushotels, Banken, Bahnen und Wasserkraftwerke sind Ausdruck davon.

Die beiden grossen Kapitalismuskriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stärkten diese Position der machtlosen, pflichtschuldigen, tüchtigen, sorgfältigen Schweiz weiter. Die Jahrzehnte seit den 1940er Jahren sind vom Nazigold über die Pizza-Connections bis zu Kopp gepflastert mit Skandalen, und Figuren wie Christoph Blocher oder Tito Tettamanti sind geradezu Inkarnationen der letzten Generation – und dass ein vielfach Vorbestrafter wie Donald Trump beste Chancen hat, ein zweites Mal den stärksten Staat der Welt zu präsidieren, verweist ebenfalls schreiend auf die Grundproblematik.

Organisiertes Verbrechen – die Schweiz ist ausgeliefert.

Kleine Gauner gängeln

Freilich können wir auch tiefer greifen – dorthin, wo die Polizei in Brienz am See jungen Burschen auflauert, die ihre Töfflis frisiert haben. Gleichzeitig stinkt es etwas seeabwärts in Oberried gewaltig nach Geldwäsche in Millionenhöhe, auf dem Bödeli wimmelt es von Ladengeschäften, die ihre Mieten niemals mit ordentlichen Geschäftsumsätzen erzielen können, und wenn ungelernte Coop-Mitarbeitende ganze Strassenzüge kaufen, kann das auch schwerlich mit rechten Dingen zugehen.
Dass wir in diesem weiten Feld der organisierten Kriminalität nicht Klartext sprechen, erscheint verständlicher als im Bereich der Landesverteidigung: Von der organisierten Kriminalität profitieren wir in der Schweiz vom Bund über die Kantone bis zu den Gemeinden ungemein; überdies kann es lebensgefährlich sein, zu direkt von kriminellen Machenschaften zu sprechen – ein Thuner Anwalt, den ich beruflich unter anderem im Grenzgebiet zwischen Moldawien und Transnistrien verortete, bat mich einmal, Zeilen in diesen Webseiten zu mutmasslischen Fluchtgeldern zu löschen.

Kommunikation – die Schweiz ist ausgeliefert.
  • In Sachen Informatik ist die Schweiz den führenden internationalen Kräften, die weitestgehend mit staatlichen oder privaten Geheimdiensten gekoppelt sind, komplett ausgeliefert. Betroffen sind davon insbesondere Systeme in den Bereichen Kommunikation, Transport und Energie: Ein vermeintlich harmloserer Fall betrifft die SBB, die in jüngster Vergangenheit zweimal gehackt wurde, zweimal Lösegeld bezahlte und massiv in Cybersicherheit investierte. Weniger harmlos ist die Tatsache, dass die letztlich staatliche Swisscom nach Lage der Dinge keinen Pieps machen kann ohne das Wissen und den Segen grosser östlicher und westlicher Geheimdienste. Ähnlich beunruhigend erscheint der Fall des Interlakner Software-Unternehmens, das seit bald einem Jahr immer wieder Schlagzeilen macht.
    Seit rund 25 Jahren entwickelt diese Firma namentlich für die Polizei und den Zoll Computerprogramme, die Daten verarbeiten – Informatik halt. Weil es sich bei Zoll und Polizei zum einen um geradezu klassische hoheitliche Bereiche handelt, und weil zum anderen heikle Daten betroffen sind, stand eine Verstaatlichung von Anfang an im Raum – und steht es noch immer.
    Wenn sich indes kindische und kindliche Interessen mit finanziellen mischen und zudem noch verbinden mit Fragen der strafrechtlichen und politischen Verantwortung, muss sich systemisch jede übergeordnete Sinnhaftigkeit verflüchtigen – schreiendes Beispiel: Im Zuge des Hackens und Erpressens besagter Firma berief der Bund einen Kristenstab – rund einhundert Personen, absurd.
    Weil freilich bei den Massenmedien viele Kindliche nach Aufmerksamkeit schreien müssen, hätte auch ein Krisenstab tauglicher Grösse öffentlichen Widerstand hervorgerufen – der Bundesrat der Corona-Zeit lässt grüssen.
    Obschon die besagte Firma seit bald einem Vierteljahrhundert hoheitliche Aufgaben erfüllt, wurde sie trotz entsprechender Diskussionen noch nicht verstaatlicht – die jüngste entsprechende Initiative ist wenige Wochen alt.

Dieses Beispiel verdeutlicht nicht nur Komplexität, sondern auch den Umstand, dass sich aus der Summe der Parameter oder der Einzelinteressen in etwa die Distanz zum eigentlichen Ziel oder dem Gesamtinteresse ergibt: Viele Köche verderben den Brei sozusagen, und das systemisch.

Viele Köche verderben den Brei systemisch

Insofern ist es nicht nur überflüssig zu moralisieren, also Schuld und Verdienste zu verteilen, sondern auch sinnlos, Verbesserungsvorschläge zu machen:
Zwar ist der Unsinn auch getrieben von Einzelinteressen, die als Gesamtinteresse verkauft werden – das ist eine Kernkompetenz des öffentlich tätigen politischen Personals und wird namentlich auch im Krankheitswesen beispielhaft vorgeführt.
Aber grundsätzlich ist dem Unsinn, der im globalen Kontext als selbstmörderischer Katastrophenkurs erscheint, nur systemisch beizukommen:

  • Das Rauchverbot in Restaurants hat von aussen eine vorher fast unvorstellbare, schnelle und radikale Veränderung erzwungen, die von innen unmöglich gewesen wäre.
  • Corona hat von aussen etwa im Bereich Digitalisierung, Home Office oder Tourismus ebenfalls vorher unvorstellbare, schnelle und radikale Veränderung erzwungen, die von innen unmöglich gewesen wären.

Die Hoffnungslosigkeit wohlmeinenden Bemühens ist zwar deprimierend. Aber systemisch ist nicht alles verloren: Einerseits gilt es nach 10’000 Jahren dummdreister männlicher Herrschaft, den Frauen ihren selbstverständlichen Platz in allen Bereichen der gesellschaftlichen Organisation wiederzugeben – sie waren unsere ersten Göttinnen, und sie bringen unsere Kinder zur Welt.
Andererseits haben wir mit der Systemik des vitalen Leben ein Muster in und vor uns, das funktioniert.
Voraussetzung hier wie dort ist allerdings: Wir müssen darüber reden – und das geht auch, ohne dass jemand das Gesicht verlieren muss.

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