Vom Paternalismus zum Populismus

Zirkus und Skandal statt Zucht und Ordnung

Als paternalistisch verstehe ich hier ein Klima, in dem Männer das Sagen haben, und zwar quasi als Familienoberhäupter: Mann schaut einerseits zu seinen Leuten, wahrt eine gewissen Anstand und pflegt einen Umgang, der auch Kindern einigermassen ansteht und als „gute Kinderstube“ im deutschsprachigen Volksmund tief verankert ist.

Andererseits lässt mann aber unter seinesgleichen sowie bei Bedarf auch gnadenlos die Sau raus – toxische Männlichkeit halt: frauenfeindlich, fremdenfeindlich, homophop, sexistisch, rassistisch, gewalttätig, wettbewerbs- und gewinnorientiert; in der Garderobe (Trumps „locker room talk“), in der Firma, in der Burschenschaft, in Verhandlungen hinter geschlossenen Türen, wenn es um viel geht und viel zu holen oder verlieren ist.

Früher: Toxisches im Schatten

Lange habe ich darüber nachgedacht, was geschehen ist seit den 1980er Jahren: als Typen, die mit ihren Sprüchen und ihrem Gebaren heute den Ton angeben, eher peinlich berührten und jedenfalls keine Chance hatten, gross zum Zuge zu kommen auf öffentlichen Plattformen, bei wichtigen Ämtern oder Aufgaben.
Mächtige Männer à la Biden hatten zwar auch weiland das Sagen und konnten jenseits der Öffentlichkeit grauenhaft brutal sein; die Vorherrschaft vorab alter, weisser Männer und ihrer Netzwerke war völlig unbestritten, und die Grausamkeit bei Bedarf grenzenlos.

Aber da war, vielleicht auch im Nachhall zum 2. Weltkrieg, eine Art Konsens darüber, was sich in der Öffentlichkeit gehört und dorthin gehört – für den krachenden Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon haben doch heutige Profis höchstens ein müdes Lächeln übrig.

Von Einwegkommunikation zum Kommunikationschaos

Die Ablösung des Paternalistischen durch das Populistische erscheint freilich plausibel: Die Digitalisierung und ihre Möglichkeiten haben sozusagen die Mauern rund um die Höfe des Paternalistischen geschleift und einen grenzenlosen Raum geschaffen, den das Paternalistische nicht mehr abdecken und kontrollieren kann.

Eine wesentliche Ursache fürs Verschwinden dieser Grenzen ist eine ebenso radikale wie rasende Veränderung der Kommunikation, die kaum zur Kenntnis genommen wird, obschon sie nach Lage der Dinge in der Menschheitsgeschichte neu ist: Mit der Schrift und spätestens mit dem Buchdruck hatte sich eine Massenkommunikation durchgesetzt, mit der Botschaften von einer Stelle aus weit verbreitet werden konnten. Das entsprach dem Paternalistischen und ermöglichte unter anderem Kontrolle und Grenzsetzung.

Heute: Toxisches im Scheinwerferlicht

Doch inzwischen sind letztlich alle Tore für alle offen und die klassischen „Gate-Keeper“ verschwunden – ich war als Redaktor ein halbes Arbeitsleben lang ein solcher Gate-Keeper.

Computer und Internet haben derweil eine Massenkommunikation geschaffen, in der alle Botschaften an alle verteilen und von allen erhalten können – unvorstellbar für frühere Generationen: von der Einwegkommunikation zum babylonischen Tohuwabohu.

Fürs Klima scheint das zu bedeuten, dass ebenfalls jede Schamgrenze fällt; um die Macht zu sichern, sind alle Mittel recht. Das Populistische, hier verstanden als zweckorientiertes Zielen auf Effekt, greift grundsätzlich Raum: Eine gute Kinderstube setzt mann mithin genauso gezielt ein wie andere Framings bis hin zu Gewaltaufrufen – das immer noch passende Praxishandbuch dazu hat Walter Lippmann 1922 veröffentlicht, frühe europäische Wegbereiter waren die deutschen Nazis, Franco, Salazar, spätere hiessen Blocher, Berlusconi, Haider, Johnson, Kaczyński, Erdogan, Orban, Putin.

Staaten am Ende

Was der Paradigma-Wechsel für die rund drei Jahrtausende paternalistischer Familien von Nationalstaaten, Ethnien oder Bergtälern heisst und was für unsere Kinder und ihre Kinderstuben, wird sich weisen.
Herbert Marshall McLuhan, der in den 1950ern viel von der Entwicklung zur Jahrtausendwende vorausnahm, hat in „understanding media“ behauptet, dass Staatliches Schriftliches bedinge – und dass mit der Digitalisierung, die McLuhan nur antizipieren konnte, das Schriftliche verschwinden werde und damit der Staat.

1 Kommentar

  1. Ja, die Gatekeeper verflüchtigen sich zusehends, die Leitmedien machen dem Rummelplatz Platz. Früher beobachtete eine journalistische Gruppe das Medien-Tor, bestimmte nach eigenem Gutdünken, was reinkam, was rausging. Jetzt wird die Informationsbeschaffung immer fragmentierter. Ich hole mir das, was ich will. Wenn möglich gratis. Jeder ist seine eigene Medienfirma. Das birgt zweifellos Chancen, weil jede und jeder Gehör finden kann. Aber gleichzeitig auch Risiken. Wie a): Wir konsumieren nur noch das, was wir konsumieren wollen und begeben uns in Echokammern. Andere Meinungen sind ausgegrenzt, weil der offene Medien-Marktplatz zwar immer noch existiert, ich ihn aber nicht mehr erreiche, erreichen will. Und b) kann in der aufgesplitterten Info-Vermittlung schnell die Schamgrenze fallen. Bewirtschaftung der Empörung. Oder Jubelarien, noch und noch

Kommentar verfassen