Ich sei kein Journalist mehr, sagte ich Erich Balmer: Mit dem Velo fuhr ich wenige Tage nach seinem 80. Geburtstag von Amacher her vor seinem Betrieb durch; er hantierte dort etwas, ich hielt an und unterhielt mich mit ihm.
Das hier ist kein Journalismus, hier schreibe ich von mir aus und nicht von den Gegenständen her – in meinen rund 30 Berufsjahren als Journalist schrieb ich niemals in der 1. Person Einzahl. Das sagte ich Erich nicht, wir hatten anderes zu bereden: Ob er nicht eine Idee habe, was wir auf dem Bödeli mit dem Tellspiel-Areal anfangen könnten? Er und Urs Kessler seien meiner Ansicht nach diejenigen, die in dieser leidigen Angelegenheit am ehesten etwas zu sagen hätten.
Erich nickte: Komm rein, sagte er, ab 10.10 habe ich Termine…
Ich zögere, hier persönlich zu werden und unser erstes Treffen zu erwähnen: als ich in den 1980er- und 1990er-Jahren für die alte, grosse Zürcher Weltwoche ambivalente Zeilen über Erich Balmer’s Herberge schrieb – wir sind einander nicht gram, haben beide gelernt und sind gewachsen; ich mag Erich Balmer sehr.
Swiss Cheese Hill
„Idee, Vorschlag und Machbarkeit, diese drei Sachen sind wichtig“, sagt Erich in jenem Raum, wo vor Jahrzehnten ein Tea-Room und Café gewesen war – nachdem ich sagte, ich sei inzwischen Lehrer, hat Erich es sich nicht nehmen lassen, mich durchs Unternehmen zu führen, das inzwischen von seinen beiden Töchtern geleitet wird, und mir insbesondere das Haus von 1514 zu zeigen, in dem einst das erste Schulhaus Mattens untergebracht gewesen war.

Idee, Vorschlag und Machbarkeit zum einzigartigen Tellspielareal wachsen aus der Erfahrung, die Erich Balmer einerseits als Gastgeber, andererseits als Alpgenossenschafter und nicht zuletzt als Geissenbub bei den Tellspielen gemacht hat: Erichs Idee ist es, das Tellspielareal rund um Alpkäse als Arena für hochwertige Schweizer Erzeugnisse zu nutzen – dies unter der Affiche „Swiss Cheese Hill“.
Idee, Vorschlag, Machbarkeit
„Wir teilen diese wunderschönen Häuser auf“, kommt er zum Vorschlag, „hier gibt es Chäsbrätel, dort Raclette, drüben Fondue; bei Attinghausen Schweinswürstli, Härdöpfelsalat, Cervelat und Bratwürste vom Grill; beim Fischerhaus kommt ein Chessi hin, und wir zeigen, wie Käse gemacht wird, und durch die Hohle Gasse kommt Vegetarisches, das ist ganz wichtig“ – bei der Führung durchs Haus hatte mir Erich auch das Verwertungssystem von Balmer’s mit grossen, gläsernen Kühlschränken zwischen Küche und Aufenthaltsräumen gezeigt: wo abreisende Gäste Esswaren, die sie nicht mitnehmen, zurücklassen können, und neue Gäste sich frei Haus bedienen können; „eine Idee meiner Töchter“, sagt Erich, „funktioniert sensationell“.
Die Machbarkeit des Swiss Cheese Hill sieht der Unternehmer glasklar: „Angebote für 50, 100, 300, 500 und 1000 Gäste, Tour Operator sind ganz wichtig“. Zurzeit habe es in der Arena natürlich mehr als 1000 Plätze, erläutert er. Aber es brauche Raum, um zu zirkulieren und zu konsumieren, „da müssten wir Reihen herausnehmen“.
Breite Trägerschaft, attraktive Packages
Packages, Parkplätze, Veranstalter, Verkauf – Erich Balmer ist in seinem Element, „wir könnten 2026 anfangen“. Die Frage von Saisons stelle sich dabei nicht mehr: „We are the four seasons destination of Switzerland“, geht er in die Vollen, „visit us at the twin lakes in the middle of Switzerland“. Interlaken sei eine ideale Drehscheibe des Schweizer Tourismus, von hier aus könnten die Gäste herausragende Reiseziele gut erreichen – beste Voraussetzungen für den „Swiss Cheese Hill“ auf dem Tellspielareal.
Und auch was die Unternehmensform angeht, hat Erich konkrete Vorstellungen: Geeignet sei eine Stiftung etwa unter der Affiche „Say Cheese“, das Ganze müsse breit aufgestellt sein und von den Alpkäsereien über die landwirtschaftlichen und touristischen Organisationen bis zu den Tourismus- und Transportunternehmen die wichtigen Akteure vereinigen.

Die Zeit fliegt, bald ist es 10.10; „komm“, sagt Erich, „wir machen noch ein Foto“. Draussen vor der Tür steht ein alter Reisecar, er ist mir noch nie wirklich aufgefallen:
So ein Theater
Kurz bevor die Tellspiele die Flucht nach vorn ergriffen und Robin Hood statt Wilhelm Tell antreten liessen, sprach ich mich mit einem Vorstandsmitglieds des Tellspielvereins über die Zukunft. Er klang wenig optimistisch: Sie seien nicht wirklich überzeugt von der Stossrichtung, resümierte er die Position einer offenbar starken, aber stillen Minderheit im Vorstand. Zum einen würden stattliche Beträge für externe Marketingleute ausgegeben, die waghalsige Experimente in den Raum stellten, zum anderen herrsche ein beunruhigender Investitionsbedarf etwa an den Bauten.
Balmers Idee, die seine Tochter als engagierte Tellspielerin übrigens schon vor Jahren im Schweizer Farbfernsehen paraphrasiert hatte, finde ich auch diesbezüglich wegweisend: Auch wenn Schiller Tell als Jäger und Schiffer positioniert hat, ist Wilhelm Tell dem Alpkäse wohl näher als dem Robin Hood. Und so gut, wie sich in der letzten, interessanten Inszenierung heutige Schulklassen durch die Szenerie spielten, so gut passte Schillers Tell in das Käseszenario von Erich Balmer.

Nachtrag
Wenn es erwünscht ist, helfe ich schreibend gerne mit bei einem Szenario, das Alpkäse und Wilhelm Tell verbindet – in der Nachfolge des Gründervaters August Flückiger hatte ich in Matten schon die Ehre, in vollen Kirchgemeindehäusern zu inszenieren.
Herrjemine! Swiss Cheese Hill? Auf keinen Fall! Noch mehr Reisegruppen. Wann hört das auf mit dem Tourismus-Overkill. Es reicht schon, dass Familien keine zahlbaren Wohnungen finden. Es reicht auch dass das Balmer people einem samt Rollkoffer zu jeder Tages- und Nachtzeit quasi durch das Haus brettert. Und dann ohne Räder, dafür mit schwerer Schlagseite, sturzbetrunken und laut grölend morgens um 3 am Schlafzimmerfenster vorbeitorkelt.
Der Interlakener Tourismus (die Industrie der hohlen Hand) ist schlichtweg pathologisch. Wieso kriegen die den Hals nie voll? Und jetzt noch laktose-sensible asiatische
Gäste, die nach dem Besuch des Käsehügels die ganze Gegend vollkotzen. Nein danke!
Wieso nicht etwas Sinnvolles wie z.B. den geilsten Skater-Park Europas? Für unsere Jungen,
ihr alten Raffhälse. Dann kann auch gleich das lächerliche Potemkische Dorf der Tellspiele niedergerissen werden. Den schliesslich ist nichts näher bei Schiller als Chillen.