Kaliber wie etwa Fred Rubi in Adelboden sind aus dem Schweizer Tourismus verschwunden: In einer Gegend, geprägt von SVP und Freikirchen, war Rubi jahrzehntelang unbestrittener Nationalrat für die SP und Kurdirektor. Das ist heute gar nicht mehr vorstellbar, so wenig wie einst Bruno Gerber in Davos, Hans Peter Danuser in St. Moritz, Joe Luggen in Grindelwald oder Kurt H. Illi in Luzern.
Rubi war ein ausgewiesener Intellektueller, aber weil er zudem als hervorragender Sportler aufgefallen war und auch militärisch nicht abfiel, konnte er sich in der zutiefst opportunistischen und korporatistischen Tourismusbranche behaupten.

Ende des 20. Jahrhunderts, als sich der Schweizer Tourismus von einem bequemen Verkäufer- in einen herausfordernden Käufermarkt verwandelte, wurde dann ein Haufen Kurdirektoren verheizt – und gleichzeitig in einer Schweizer TV-Serie eine Kurdirektorin abgefeiert.
Vom bequemen Verkäufer- zum mühsamen Käufermarkt
Die Phase ist vorbei, aus Kurdirektoren sind Destinationsmanager geworden, die häufig jahrelang einer Destination treubleiben – auch der Wengener Rubi war ein Arbeitsleben lang in Adelboden geblieben.
Intellektuelle wie Roger Seifritz in Gstaad, Ariane Ehrat in St. Moritz oder Frank Bumann in Zürich deuteten ums Jahr 2000 auf einen Epochenwandel hin: Kühle Profis des modernen Tourismusmanagements schienen die Ruder zu übernehmen und die warmherzigen Kurdirektoren und Zampanoos à la Illi oder Danuser abzulösen, an der Arbeit schienen ernsthafte Enkel von Jost Krippendorf an der Uni Bern und Studenten von Thomas Bieger, Christian Laesser und Pietro Beritelli an der Uni St. Gallen.
Vereinzelt konnten und wollten sich entsprechende Profis halten, durchgesetzt haben sich jedoch vorab glänzende Verkäufer in eigener Sache. Ein frühes und herausragendes Beispiel war Roland Huber, der nach Adelboden geholt wurde, um ein abgedrehtes Bäderprojekt durchzupeitschen – postum herhalten als Sündenbock musste dabei sogar der 1997 verschiedene Fred Rubi.
Verkäufer, Blender, Jasager
Dass glänzende Verkäufer in eigener Sache, machtbewusste Blender oder anschmiegsame Jasager sich im Tourismusmanagement durchsetzten, ist systemisch und den Herren also nicht persönlich anzukreiden – Frauen sind an den Spitzen praktisch nicht vertreten, was bei diesem Jobprofil kaum verwundert:
- Wie viel schwerer ist es, sich mit kritischen Medienschaffenden auseinanderzusetzen, als journalistische Werbetexter einzuladen, Ihnen Honig um den Mund zu streichen und Zucker in den Hintern zu blasen.
- Wie viel schwerer ist es, sich mit touristischen Anbietern herumzuschlagen, als die Stärksten zu hofieren, die Mittleren ruhig- und die Kleinen kaltzustellen.
- Und wie viel mühsamer ist es, die komplexen und vielfältigen Dimensionen des Tourismus zu durchdringen und sich konsequent auf die Gästebedürfnisse einzustellen, als eine möglichst ruhige Kugel zu schieben, allfällige Wogen zu glätten und zu glänzen, wann immer sich Gelegenheiten dazu bieten.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass diejenigen Tourismusprofis, die diese komplexe Materie theoretisch fassen und Vorschläge für die Praxis machen wollen, an der Branche fast verzweifeln: Das St. Galler Modell, ein ebenso einfaches wie einleuchtendes System des Destinationsmanagements der Universität St. Gallen, wird von alten Hasen kalt belächelt und jedenfalls weder ernsthaft studiert noch erwogen. Dabei geht es hier schlicht darum, einerseits den Tourismusanbietern dabei zu helfen, ihre Nachfrage zu finden, und andererseits konsequent die Servicekette zu schmieden und zu schmieren, an der sich die Touristen entlanghangeln.
Das wiederum ist eigentlich der Ursprung von Tourismusorganisation an der Wende zum 20. Jahrhundert.
Wer sich nur wenig mit der Branche befasst, wird selbstverständlich davon ausgehen, dass die Tourismusorganisationen diese ursprüngliche Aufgabe auch erfüllen. Dies zumal die digitalen Möglichkeiten inzwischen die Distanz zwischen Angebot und Nachfrage praktisch zum Verschwinden gebracht haben.
Aber da die eigentlichen Aufgaben anstrengend sind, und da sich die Tourismusorganisationen mit wenig Aufwand, der ihnen zudem liegt, um die Aufgabe drücken können, wird sie nicht erledigt – auch wenn wortreich das Gegenteil behauptet wird.
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